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Kulturabend „Goethe in der Schweiz“ in der Residenz der Deutschen Botschaft, Bern, 15. Juni 2022

24.06.2022 - Pressemitteilung

Goethes Reise von Stäfa auf den Gotthard als Dichter und Forscher

Vor 225 Jahren, am Vorabend der Helvetischen Revolution und des Franzoseneinfalls, bereiste Johann Wolfgang von Goethe zum dritten Mal die Schweiz. Ausgangspunkt für seine – ebenfalls dritte – Reise zum Gotthard war Stäfa, wo er seinen Freund und kunstgeschichtlichen Berater Heinrich Meyer besuchte.

Aus diesem Anlass führen die Gemeinde und die Lesegesellschaft Stäfa, die Goethe-Gesellschaft Schweiz und das Museum Sasso San Gottardo mehrere Veranstaltungen durch. Als Auftakt war die Deutsche Botschaft in Bern Gastgeber eines Kulturabends. Am 3. Juli wird die erste Dauerausstellung zu Goethe in der Schweiz eröffnet – im Gotthardgranit.

Der Deutsche Botschafter in der Schweiz, Michael Flügger, eröffnete den 2. Ber(li)ner Salon dieses Jahres in seiner Residenz als Auftakt zu einer Reihe von Goethe-Veranstaltungen anlässlich der 3. Goethereise in die Schweiz, in deren Rahmen Goethe am Gotthard Gesteine untersuchte und Recherchen zur Tellensage anstellte, auf deren Grundlage sein Freund Friedrich Schiller das Schauspiel „Wilhelm Tell“ verfasste.

Durch den Abend führte der Schauspieler Michael Schwyter in der Rolle von Goethes Schreiber und Sekretär Ludwig Geist, der im stetigen Widerstreit mit dem als Marionette mitgeführten Goethe die Kurzreferate kommentierte. So begründete Goethe, weshalb er Schiller seine Tell-Recherchen zur Verfügung stellte: „Der kränkliche Schiller kann die Schweiz nicht mit eigenen Augen sehen.“ Musikalisch begleitete Praxedis Hug-Rütti den Anlass auf der Harfe.

Goethes feste Bleibe im Granit
Der Leiter des Museums Sasso San Gottardo, Damian Zingg, und Kuratorin Cristina Kaufmann stellten die landesweit erste Dauerausstellung über Goethe in der Schweiz vor, die den Titel „Goethe am Gotthard – Höhepunkte seiner Reisen durch die Schweiz“ trägt und ab dem 4. Juli für Besuche offensteht.

Das Museum befindet sich in der ehemaligen Artillerie-Festung der Schweizer Armee, mitten im Granit. Auf allen drei Schweizerreisen bestieg Goethe den Gotthard von Norden her und kehrte anschliessend wieder in den Norden zurück. Ein Teil der Faszination, den das Massiv auf den Dichter und Forscher ausübte, war seine Beschäftigung mit den Gesteinen – Goethe, Gotthard, Granit gehören in dieser Ausstellung zusammen. Die Ausstellung befasst sich mit der Frage nach den Gründen für den Erfolg Goethes. Formal lehnt sie sich an dessen Farbenlehre an: Die Ausstellung wurde in den sechs Farben gemäss Goethes Farbenkreis gestaltet. Verstärkt wird der Einblick in Goethes optisches Erleben durch verschiedene seiner Zeichnungen. Ein Buch begleitet die erste Dauerausstellung über den „berühmtesten Gotthardfan aller Zeiten“.

Der Gotthard als fixe Idee
Margrit Wyder, die Präsidentin der Goethe-Gesellschaft Schweiz, zitierte die dritte Strophe von Mignons Lied im dritten Buch von Wilhelm Meisters Lehrjahren, „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“:
„Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg? Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut, Es stürzt der Fels und über ihn die Flut: Kennst du ihn wohl?“
Als Goethe dieses Lied 1782 schrieb, kannte er Italien noch nicht, wohl aber den „Gotthard als fixe Idee“, den er 1775, 1779 und 1797 als jeweiligen Höhepunkt seiner Schweizer Reisen bestieg. Italien erreichte er hingegen über den Brenner. Auf seine zweite Schweizer Reise im November 1779 begleitete ihn Herzog Carl August von Sachsen-Weimar. In seiner Schilderung baute Goethe die Spannung dramatisch auf, die Bedrohung durch Schneefälle, die Überquerung des Furkapasses, die im hüfthohen Schnee dank der Hilfe zweier Oberwalliser Führer gelang. Umso schöner dann trotz klirrender Kälte die letzten Kilometer bis zum Gotthardhospiz und das Wiedersehen mit den Patres: „So befindet man sich hier auf einem Kreuzpunkte von dem aus Gebürge und Flüsse in alle vier Himmels-Gegenden ausgehen.“

Den naturphilosophischen Kampf zwischen Neptunisten und Plutonisten liess Goethe in die Unterhaltung zwischen Faust und Mephisto über die Entstehung der Gebirge einfliessen. Mephisto tritt ein für eine Entstehung der Gebirge mit viel Getöse und Feuer, während Faust Goethes eigene Ansichten als geologischer Neptunist vertritt. Dabei spielt Goethe auch auf die Urner Sage von der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht an. Er bringt hier seine eigenen Gedanken zur wissenschaftlichen Erklärung der Findlinge ins Stück hinein – eine Frage, die zu seiner Zeit noch ungelöst war.

„Ich glaube, der Gedanke der Freiheit beflügelte Goethe zur Reise nach Stäfa“
Der Stäfner Gemeindepräsident, Christian Haltner, ordnete Goethes Aufenthalt im Herbst 1797 in die Geschichte von Stäfa, der damals grössten Gemeinde der Zürcher Herrschaft, ein. 1789 brach die Französische Revolution aus. Die Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit wurden von den wohlhabenden Stäfner Weinbauern und Manufakturbesitzern, die nach wie vor über keine politischen Rechte verfügten, aufgenommen. 1793 gründeten sie die Lesegesellschaft am See, um die Bevölkerung zu bilden. Dass diese Bildung auch politisch war, zeigte sich im „Stäfner Memorial“, mit dem die rechtliche Gleichstellung der Landschaft sowie Presse-, Handels- und Gewerbefreiheit gefordert wurden. Dies löste den „Stäfner Handel“ aus: Am 5. Juli 1795 besetzten Zürcher Truppen Stäfa, verhängten Berufsverbote, untersagten die Tätigkeiten der Lesegesellschaft und kappten die medizinische Versorgung. In dieses Stäfa kam Goethe und residierte in zwei Etappen – vor und nach der Gotthardreise – in der „Alten Krone“. Haltners Vermutung: „Der Gedanke der Freiheit beflügelte Goethe zur Reise nach Stäfa“

„Fakten allein machen keine Wissenschaft“
Der soeben mit dem Förderpreis der Stadt Konstanz ausgezeichnete Jungautor und Physiker Thomas Bissinger schloss die Folge der Kurzreferate ab unter dem Titel: „Geschichten aus der Tiefe – wenn Literatur und Wissenschaft sich kreuzen“.
Die erste Erinnerung seines Lebens stamme von einem Anlass der Mutter-Kind-Gruppe, als er etwa einjährig gewesen sei: „Ich kann bis heute die kleine Flamme sehen, die auf der Kerze vor mir tanzte. Und in einer zugegeben poetisierenden Rückschau kann ich behaupten, dass ich an diesem Herbstnachmittag eine erste bewusste wissenschaftliche Frage formulierte: ‘Wie fühlt sich Feuer an?’ Auch an die kurz darauf gefundene Antwort auf diese Frage kann ich mich bis heute erinnern.“

Generell sei Wissenschaft, aus Experimenten Erkenntnisse zu gewinnen, doch „Fakten allein machen keine Wissenschaft. Die Wissenschaft sind die Geschichten, die wir mit den Fakten erzählen. Fortschritt kommt nicht selten daraus, die Fakten in einer neuen Geschichte zu ordnen.“

Goethe befasste sich als Wissenschaftler mit der damaligen Debatte zwischen Neptunisten und Plutonisten und tendierte zum Neptunismus, wonach sich alles Gestein aus dem Wasser einer Urmeeres abgelagert habe, im Gegensatz zur plutonistischen Theorie, die – näher bei der heutigen Erkenntnis – davon ausgingen, dass das Erdinnere heiss sei und sich dort geschmolzenes Gestein befinde, das etwa bei Vulkanausbrüchen an die Oberfläche gerate. Goethe suchte in der Natur das Göttliche, das Ewige, den tiefen Urgrund, den er im Granit fand. Allegorisch setzte er das unbeständige menschliche Herz der stabilen Natur im Granit entgegen.

Aus heutiger Sicht könne man sagen, Goethe sei mit der neptunistischen Theorie gescheitert, aber dies sei zu kurz gegriffen: „Er ging vor wie viele andere Wissenschaftler seiner Zeit: ihm erschien eine bestimmte Theorie überzeugender, um seine Arbeit darauf zu konzentrieren, und das hat er gemacht. Falsch zu liegen, gehört bisweilen dazu.“

Bern, Gotthard und Stäfa, im Juni 2022

Kontakte für Rückfragen

Kommunikation Goethe-Projekt
c/o Bernhard Schneider
Schneider Communications AG
bernhard.schneider@schneidercom.ch
079 675 65 58

Damian Zingg
Sasso San Gottardo
damian.zingg@sasso-sangottardo.ch
079 268 00 03

Botschaft der Bundesrepublik Deutschland
Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Claudia Stolte
Pr-11@bern.diplo.de
T 031 359 41 20


Link zur Aufzeichnung der Veranstaltung in der Deutschen Botschaft

Link zur Live-Übertragung (kann auch nachträglich abgerufen werden) der Veranstaltung vom 2. Juli in Stäfa

Link zur Live-Übertragung (kann auch nachträglich abgerufen werden) der Veranstaltung vom 3. Juli im Sasso San Gottardo

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