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„Wir lernen von Liechtenstein“ - Interview mit dem Liechtensteiner Vaterland vom 27.12.2018

Interview

Interview: Daniel Bargetze

Botschafter Norbert Riedel, wo waren Sie am 14. Februar 2008?
Norbert Riedel: Das weiss ich nicht. Warum?

An diesem Tag hat Liechtenstein durch die medienwirksame Hausdurchsuchung bei Post-Chef Klaus Zumwinkel vermutlich seinen grössten Reputationsschaden erlitten.
Interessant, dass Sie das ansprechen. Ich komme gerade von Ihrem Regierungschef und da war dieser «Jahrestag» auch Thema. Die Finanzminister der Europäischen Union haben im Oktober den Beschluss gefasst, Liechtenstein von der Grauen Liste zu nehmen. Ich habe Adrian Hasler berichtet, dass schon genau registriert wird, dass sich Liechtenstein in den letzten Jahren bezüglich Transparenz in Steuerfragen weiterentwickelt hat. Ich halte das für eine sehr erfolgreiche Politik. Es ist Liechtenstein gelungen, ein ganz anderes Bild nach aussen zu vermitteln.

Sie waren zuvor in Sofia, Lissabon, Peking – wer oder was hat Sie nun in Ihre jetzige Position gebracht?
In unserem Beruf ist es so, dass man weltweit jederzeit alles machen soll. Ich wurde gefragt, ob ich in die Schweiz gehen möchte. Da ich in Stuttgart auf die Welt gekommen bin, habe nicht lange nachgedacht. Für einen deutschen Botschafter ist es ein Privileg: Man spricht die gleiche Sprache, hat einen sehr guten Zugang und ein hervorragendes bilaterales Verhältnis.

Welche Aufgaben haben Sie als Botschafter?
Zum einen bin ich Augen, Ohren und Mund meiner Regierung. Ich berichte nach Berlin, was in der Schweiz und in Liechtenstein passiert. Zudem sind wir Ansprechpartner und Vertreter der vielen Deutschen, die in der Schweiz oder Liechtenstein leben. Das sind sehr viele, und das ist auch für uns eine grosse Herausforderung.

Wann?
Gemäss unseren Gesetzen ist die Botschaft im Ausland für Pass­angelegenheiten zuständig: Jeder, der einen Pass braucht, muss zu uns kommen. Wir reden hier von 50 000 Passanträgen pro Jahr – organisatorisch sind wir also ein grösseres Unternehmen.

Im Gegensatz zur Schweiz hat Deutschland mit Liechtenstein keinen Fluglärmstreit und keinen Konflikt um Atommüll-Endlager. Was beschäftigt Sie im Zusammenhang mit unserem Land?
Gott sei Dank sind Steuerfragen kein Thema mehr. Wir sind uns sehr verbunden. Wir schauen auch im Rahmen des EWR sehr genau auf Liechtenstein. Ich weiss, dass Liechtenstein ein Industrieland ist – und nicht nur ein reiner Finanzplatz, was viele in Deutschland noch glauben. Eine Industriequote von fast 40 Prozent, das ist schon beeindruckend. Ich war vor Kurzem bei der Firma Ospelt und habe die Fabrik besichtigt. An deren Produktionsstandort im sächsischen Apolda sieht man, dass Liechtenstein auch Arbeitsplätze in Deutschland schafft. Und morgen schaue ich mir die Hilti an.

Wie haben Sie Liechtenstein kennengelernt?
Ich war sehr oft hier, im vergangenen Jahr bestimmt sechsmal.  Besonders beeindruckt mich die  diversifizierte Wirtschaft, aber auch politisch ist Liechtenstein  interessant –  wir versuchen auch, von der direkten Demokratie zu lernen.

Sie haben unseren Bitcoin-Automaten begutachtet.
Ich bin neugierig auf das Thema Blockchain und Kryptowährungen. Es ist interessant, die Entwicklung in Liechtenstein mitzuverfolgen. Vielleicht ist Liechtenstein hier mutiger oder besser in der Lage, das Thema umzusetzen. Doch das Interesse von Deutschland wird grösser und daher fragen wir uns: Was können wir von Liechtenstein in diesem Sektor lernen? Das ist nicht einfach so dahergesagt. Wir lernen von Liechtenstein genauso.

Wie ist das Image Liechtensteins in Deutschland?
Eigentlich ein sehr gutes. Mit der kleinen Einschränkung: Es gibt immer noch viele, die vor zehn Jahren stehen geblieben sind und noch nicht mitbekommen haben, was in dieser Zeit in Liechtenstein passiert ist.

Was tun Sie dafür, dass sich das ändert?
Es ist unser beiderseitiges Interesse, dass wir dieses Bild verbessern. Der Prozentsatz der Deutschen, der so denkt, wird jedoch zunehmend kleiner. Wer das Land von einem Besuch bei der Durchreise kennt, dem muss man nicht viel erklären. Liechtenstein hat einen guten Ruf und ist mit positivem und nicht negativem Klang verbunden.

Wie halten Sie sich über Liechtenstein auf dem Laufenden?
Wir lesen natürlich das «Vaterland», falls Sie darauf hinaus wollen.

Nein, aber das hören wir nicht ungern.
Ich fühle mich als Nachbarn von Liechtenstein– dann zucken immer alle und sagen, dass Deutschland gar kein Nachbar ist. Doch ich bin es: Ihre Botschafterin Doris Frick ist meine Nachbarin in Bern und wir tauschen uns sehr eng und sehr oft aus. Eine gute und wichtige Informationsquelle für mich.

Wo in Deutschland sollte ­jeder Liechtensteiner einmal gewesen sein?
In Berlin.

Warum?
Berlin ist etwas ganz Besonderes, seit der Wiedervereinigung hat sich die Stadt komplett verwandelt. Es ist ein Schmelztiegel zwischen Osten und Westen und hat eine unglaublich lebendige Startup-Szene. Im Kontrast dazu existiert  noch vieles, das an den Krieg erinnert. Es ist eine Stadt, die sehr viel über das heutige Deutschland aussagt.

Wissen Sie, welche sprach­liche Wendung auf Hochdeutsch ein absolutes No-Go in Liechtenstein ist?
Verraten Sie es mir.

Wenn die Bestellung in der Bäckerei oder beim Metzger beginnt mit: «Ich bekomme ...».
Ach so, ich verstehe. Meine Frau achtet da auch immer sehr darauf.  Da ertappe ich mich schon mal. Meine Frau kuckt mich dann an und dann weiss ich Bescheid.

Wolfgang Kubicki sagte beim Besuch der Wirtschaftskammer Liechtensteins am 2. November, dass er Neuwahlen in Deutschland für das Frühjahr 2019 erwartet. Wie sehen Sie das?
Ich habe in den letzten zwölf Monaten gelernt, dass es schwierig ist, Aussagen über die Zukunft der Politik in Deutschland zu treffen. Die Grosse Koalition zieht im Frühjahr eine Halbzeitbilanz. Beide Seiten wollen dann bewerten, was man erreicht hat und was man noch erreichen will. Ausserdem sind im Frühjahr die Europawahlen. Deshalb haben wohl viele geglaubt, dass bei einer Merz-Wahl Neuwahlen wahrscheinlich sind. Die Regierungsbildung war alles andere als einfach und viele wollten keine Grosse Koalition. Deshalb wird überhaupt darüber nachgedacht, ob eine Regierung die Arbeit vorzeitig einstellen könnte.

Mühsame Regierungsbildung, Diesel-Affäre, Aufstieg der AfD, Staatsaffären aufgrund des Verfassungsschutz-Präsidenten, dazu Grossbaustellen wie der Flughafen Berlin ausser Kontrolle – fragt man Sie oft, was eigentlich mit Deutschland los ist?
In der Tat könnte man den Eindruck haben, dass wir in einer schwierigen Situation stecken. Auf der anderen Seite: Die Wirtschaftszahlen sind hervorragend, wir hatten noch nie so viele Arbeitsplätze wie jetzt, es wurden noch nie so viele Arbeitsplätze geschaffen. Stärke und scheinbare Zeichen der Schwäche liegen also eng beieinander. Als deutscher Botschafter kann ich sagen: Wir sind weiterhin ein stabiles Land und wir sind weiterhin die Lo­komotive für die Wirtschaft in Europa.

Und dennoch ärgern Sie Dinge wie die Diesel-Affäre, schliesslich schaden sie der Aussenwahrnehmung?
Na ja, betrachtet man dies neutral, erkennt man, wie schwierig diese Fragen sind. Wir haben auf der eine Seite die Automobilindustrie als Kernwirtschaft mit unzähligen Arbeitsplätzen, gleichzeitig einen disruptiven Wandel von der Verbrennungstechnologie zur Elektromobilität und wir haben gleichzeitig die Diskussion um Klimawandel und ganz neue Anforderungen punkto Umweltschutz. Hier eine Interessensabwägung vorzunehmen, ist einfach sehr schwierig.

Haben Sie ein Nahverhältnis zur SPD?
Ich bin parteipolitisch völlig ungebunden.

Sie haben unter dem SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie den SPD-Aussenministern Sigmar Gabriel und Heiko Maas ­gearbeitet.
Korrekt. Ich war jedoch schon Diplomat, als es einen CDU-Bundeskanzler gab und bin es noch jetzt, seit es eine CDU-Bundeskanzlerin gibt.

Sie twittern fleissig - Sie selbst oder Ihr Team?
Zu 80 Prozent bin ich es selbst. Es macht mir Spass und ich finde es faszinierend.

Wissen Sie, wer der letzte Bundeskanzler war, der Liechtenstein besucht hat?
Helmut Kohl?

Richtig; auf private Einladung und auf der Durchreise zu seinem Ferienort in Salzburg. Wie stehen die Aussichten, dass Angela Merkel vor Ihrem Amtsende Liechtenstein einen Besuch abstattet?
Diese Frage kann ich leider nicht beantworten. Es hat sich seit Helmut Kohl einiges verändert. Es gibt den regelmässigen Austausch der deutschsprachigen Staats- und Regierungschefs, das ist schon institutionell. Ihr Regierungschef war ja vor nicht allzu langer Zeit in Berlin. Ich hoffe natürlich und werbe dafür, dass die Bundeskanzlerin dereinst hierher kommt, denn es ist mein Anliegen, dass so viel Besuch wie möglich nach Liechtenstein kommt.

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